Das weltweit erste KI-Gesetz ist da
Korrekturhinweis vom 23. September 2026: Für falsche, unvollständige oder irreführende Angaben gegenüber Behörden nennt Art. 99 Abs. 5 bis zu 7,5 Millionen Euro oder 1 % des weltweiten Jahresumsatzes. Hier stand zuvor ein höherer Prozentwert. Außerdem nennt der Beitrag jetzt Art. 26 Abs. 6 als Fundstelle für die Aufbewahrung von Protokollen und beschreibt die Einwilligung beim VoiceBot wie der VoiceBot-Beitrag.
Der EU AI Act ist das weltweit erste umfassende KI-Gesetz. Risikoklassen, Transparenzpflichten und Fristen: was Unternehmen jetzt wissen und umsetzen müssen.
Am 1. August 2024 trat die Verordnung (EU) 2024/1689 in Kraft, besser bekannt als der EU AI Act. Damit hat die Europäische Union das weltweit erste umfassende Gesetz zur Regulierung Künstlicher Intelligenz geschaffen. Nach über drei Jahren Verhandlung zwischen Europäischem Parlament, Rat und Kommission ist das Ergebnis ein Regelwerk, das den gesamten Lebenszyklus von KI-Systemen abdeckt: von der Entwicklung über die Bereitstellung bis zum Einsatz durch Endnutzer.
Der AI Act verfolgt einen risikobasierten Ansatz. Nicht jede KI wird gleich behandelt. Stattdessen werden KI-Systeme nach ihrem potenziellen Risiko für die Gesellschaft klassifiziert. Je höher das Risiko, desto strenger die Anforderungen. Für viele Anwendungen (darunter die meisten Chatbots und Wissensdatenbanken) bedeutet das: moderate Pflichten, die mit guter Architektur problemlos erfüllbar sind.
Wichtig zu verstehen: Der AI Act betrifft nicht nur KI-Entwickler. Auch Deployer (Unternehmen, die KI-Systeme einsetzen) und Importeure (die KI-Produkte aus Drittstaaten in die EU bringen) haben Pflichten. Wenn Sie einen KI-Chatbot auf Ihrer Website betreiben, sind Sie Deployer, und damit adressiert.
Die gute Nachricht: Der Gesetzgeber hat bewusst eine gestaffelte Einführung gewählt. Nicht alle Regeln gelten sofort. Je nach Risikokategorie greifen die Pflichten seit August 2026, ab Dezember 2027 oder ab August 2028. Wer jetzt beginnt, hat einen Vorsprung.
Die vier Risikoklassen
Das Herzstück des AI Act ist die Einteilung in vier Risikoklassen. Jedes KI-System wird einer dieser Kategorien zugeordnet, und die jeweilige Kategorie bestimmt, welche Pflichten gelten.
1. Unannehmbares Risiko (verboten)
Bestimmte KI-Anwendungen sind in der EU vollständig verboten, weil sie als unvereinbar mit europäischen Grundwerten gelten. Dazu gehören:
- Social Scoring durch Behörden: die Bewertung von Bürgern anhand ihres Sozialverhaltens
- Biometrische Echtzeit-Fernidentifikation im öffentlichen Raum (mit eng definierten Ausnahmen für Strafverfolgung)
- Emotionserkennung am Arbeitsplatz und in Bildungseinrichtungen
- Manipulative KI, die unterschwellige Techniken nutzt, um das Verhalten von Personen zum Nachteil zu beeinflussen
- Ausbeutung von Vulnerabilitäten: KI, die gezielt Schwächen aufgrund von Alter, Behinderung oder sozialer Lage ausnutzt
Diese Verbote gelten seit 2. Februar 2025, sie sind bereits in Kraft.
2. Hohes Risiko
KI-Systeme mit hohem Risiko unterliegen den strengsten Anforderungen. Betroffen sind Anwendungen in sicherheitskritischen oder grundrechtsrelevanten Bereichen:
- Personalrekrutierung und -bewertung: KI, die Bewerbungen filtert oder Mitarbeiterleistung bewertet
- Kreditwürdigkeit und Versicherung: automatisierte Scoring-Systeme
- Bildung: KI-gestützte Prüfungsbewertung oder Zugangssteuerung
- Kritische Infrastruktur: Energieversorgung, Wasserversorgung, Verkehr
- Strafverfolgung: Risikobewertung, Beweismittelanalyse
- Migration: Asylverfahren, Grenzkontrolle
Für Hochrisiko-KI verlangt der AI Act unter anderem: Risikomanagementsysteme, Datenqualitätsanforderungen, technische Dokumentation, Aufzeichnungspflichten, Transparenz gegenüber Nutzern, menschliche Aufsicht und Genauigkeits- bzw. Robustheitsnachweise (Art. 8-15 AI Act).
3. Begrenztes Risiko (Transparenzpflicht)
In diese Kategorie fallen die meisten Chatbots, VoiceBots und generativen KI-Systeme. Die zentrale Pflicht: Nutzer müssen wissen, dass sie mit einer KI interagieren. Dazu gehören auch Systeme, die Texte, Bilder, Audio oder Video erzeugen. Sie müssen als KI-generiert gekennzeichnet werden.
4. Minimales Risiko
Die große Mehrheit der KI-Anwendungen fällt in diese Kategorie: Spam-Filter, KI-gestützte Empfehlungen in Online-Shops, Rechtschreibprüfungen, Übersetzungstools. Für sie gelten keine besonderen Anforderungen, nur freiwillige Verhaltenskodizes werden empfohlen.
Transparenzpflicht: Chatbots und VoiceBots kennzeichnen
Artikel 50 des AI Act ist für die meisten Unternehmen die relevanteste Vorschrift. Er regelt die Transparenzpflichten für KI-Systeme mit begrenztem Risiko und betrifft damit direkt jeden, der einen Chatbot oder VoiceBot betreibt.
Die Kernregel ist klar formuliert: Anbieter von KI-Systemen, die direkt mit natürlichen Personen interagieren, müssen sicherstellen, dass die betroffenen Personen darüber informiert werden, dass sie mit einem KI-System interagieren (Art. 50 Abs. 1). Die Ausnahme: Wenn dies aufgrund der Umstände und des Kontextes offensichtlich ist.
In der Praxis bedeutet das:
Für Chatbots:
- Beim ersten Kontakt muss ein deutlicher Hinweis erscheinen, dass der Nutzer mit einer KI kommuniziert, nicht mit einem Menschen
- Der Hinweis muss vor der Interaktion erfolgen, nicht versteckt in den AGB
- Ein einfacher Satz reicht: „Sie kommunizieren mit einem KI-Assistenten" oder „Dieser Chat wird von einer Künstlichen Intelligenz betrieben"
- Die Kennzeichnung muss in einer für die Zielgruppe verständlichen Sprache erfolgen
Für VoiceBots:
- Zu Beginn des Gesprächs muss der VoiceBot sich als KI identifizieren, idealerweise im ersten Satz
- Bei Telefon-VoiceBots ist dies besonders wichtig, da die Verwechslungsgefahr mit einem menschlichen Gesprächspartner höher ist
- Empfohlen wird eine Formulierung wie: „Guten Tag, Sie sprechen mit dem KI-Assistenten von [Firmenname]. Wie kann ich Ihnen helfen?"
- Bei IVR-Systemen (Interactive Voice Response) mit KI-Komponente sollte der Hinweis in die Begrüßung integriert werden
Darüber hinaus verlangt Art. 50 Abs. 2, dass Inhalte, die von KI generiert oder manipuliert wurden (sogenannte „Deep Fakes"), maschinenlesbar gekennzeichnet werden müssen. Das betrifft vor allem generierte Texte, Bilder und Audio. Für Unternehmen, die KI-generierte Marketingtexte oder Bilder verwenden, bedeutet das: Metadaten müssen die KI-Herkunft ausweisen.
Die Transparenzpflichten gelten seit dem 2. August 2026. Prüfen Sie deshalb Ihre Chatbot- und VoiceBot-Implementierungen und passen Sie sie bei Bedarf an.
GPAI: Regeln für Basismodelle
Ein eigenes Kapitel des AI Act widmet sich General Purpose AI (GPAI), also Basismodellen, wie sie etwa OpenAI, Mistral AI, Anthropic oder Meta anbieten. Diese Modelle werden nicht für einen spezifischen Zweck trainiert, sondern sind vielseitig einsetzbar. Genau das macht ihre Regulierung besonders komplex.
Für alle GPAI-Modelle gelten seit August 2025 folgende Grundpflichten (Art. 53):
- Technische Dokumentation: Anbieter müssen umfassende technische Dokumentation erstellen und auf dem neuesten Stand halten, einschließlich Informationen über Trainings- und Testverfahren
- Informationen für nachgelagerte Anbieter: Wer ein GPAI-Modell bereitstellt, muss nachgelagerten Anbietern (die das Modell in ihre Produkte integrieren) ausreichende Informationen und Dokumentation zur Verfügung stellen
- Urheberrechts-Compliance: Anbieter müssen eine Strategie zur Einhaltung des EU-Urheberrechts implementieren und insbesondere Opt-out-Mechanismen gemäß Art. 4 Abs. 3 der DSM-Richtlinie (2019/790) respektieren
- Zusammenfassung der Trainingsdaten: Eine hinreichend detaillierte Zusammenfassung der für das Training verwendeten Daten muss öffentlich zugänglich gemacht werden. Das EU AI Office hat dafür ein Template entwickelt
Für GPAI-Modelle mit systemischem Risiko (definiert als Modelle, deren kumulative Trainingsrechenleistung 10^25 FLOPS übersteigt) gelten zusätzliche verschärfte Pflichten (Art. 55):
- Modell-Evaluierung gemäß standardisierten Protokollen und Benchmarks
- Bewertung und Minderung systemischer Risiken, einschließlich adversarialer Tests (Red Teaming)
- Meldung schwerwiegender Vorfälle an das EU AI Office
- Gewährleistung eines angemessenen Cybersicherheitsniveaus
Für Unternehmen, die GPAI-Modelle nutzen (nicht entwickeln), ist die entscheidende Frage: Welche Pflichten treffen mich als Deployer? Die Antwort: Die GPAI-Pflichten richten sich primär an die Modellanbieter (also Mistral, OpenAI, Anthropic etc.). Als Unternehmen, das ein fertiges Modell über eine API einbindet, profitieren Sie davon, dass der Modellanbieter seine Pflichten erfüllt. Ihre eigenen Pflichten beschränken sich auf die korrekte Nutzung, insbesondere die Transparenzpflicht gegenüber Ihren Endnutzern.
Die Fristen im Überblick
Aktualisiert am 23. August 2026: Die Änderungsverordnung (EU) 2026/1744, im Amtsblatt veröffentlicht am 24. Juli 2026 und in Kraft seit dem 27. Juli 2026, legt die Fristen für Hochrisiko-KI-Systeme auf den 2. Dezember 2027 (Art. 6 Abs. 2, Anhang III) und den 2. August 2028 (Art. 6 Abs. 1, Anhang I) fest. Die Transparenzpflichten nach Art. 50 gelten seit dem 2. August 2026. Die Liste unten berücksichtigt diesen Stand.
Der AI Act wird nicht schlagartig wirksam, sondern in mehreren Stufen. Dieser gestaffelte Ansatz gibt Unternehmen Zeit zur Vorbereitung, aber die erste Frist ist bereits verstrichen:
- 2. Februar 2025: Verbot der unannehmbaren KI-Praktiken (Social Scoring, biometrische Echtzeit-Fernidentifikation, manipulative KI). Bereits in Kraft.
- 2. August 2025: Pflichten für GPAI-Modelle (Transparenz, Dokumentation, Urheberrechts-Compliance) und Benennung der nationalen Behörden. Governance-Regeln des AI Act treten in Kraft.
- 2. August 2026: Transparenzpflichten für Chatbots, VoiceBots und generative KI sind durchsetzbar. Sanktionen können verhängt werden.
- 2. Dezember 2027: Hochrisiko-KI-Systeme nach Art. 6 Abs. 2 und Anhang III müssen alle Anforderungen erfüllen.
- 2. August 2028: Übergangsfristen für bestimmte Hochrisiko-KI-Systeme enden, insbesondere solche, die als Sicherheitskomponenten regulierter Produkte fungieren (Anhang I, z. B. Medizinprodukte, Maschinen, Spielzeug).
Die Sanktionen sind erheblich und orientieren sich am DSGVO-Modell:
- Verstoß gegen verbotene Praktiken: bis zu 35 Millionen Euro oder 7 % des weltweiten Jahresumsatzes (Art. 99 Abs. 3)
- Verstoß gegen Hochrisiko-Anforderungen und Transparenzpflichten: bis zu 15 Millionen Euro oder 3 % des Umsatzes (Art. 99 Abs. 4)
- Falsche, unvollständige oder irreführende Angaben gegenüber Behörden: bis zu 7,5 Millionen Euro oder 1 % des weltweiten Jahresumsatzes (Art. 99 Abs. 5)
Für KMU und Start-ups gelten angepasste, niedrigere Obergrenzen. Dennoch: Die Bußgelder sind empfindlich genug, um auch bei mittelständischen Unternehmen Aufmerksamkeit zu erzeugen. Warum der AI Act trotz dieser Pflichten nicht beantwortet, wo Ihre Daten verarbeitet werden, beschreibt der Beitrag Der EU AI Act ist da. Und sagt Ihnen trotzdem nicht, wo Ihre Daten hingehen.
In Deutschland macht das nationale Durchführungsgesetz die Bundesnetzagentur zur zentralen Aufsichtsbehörde für KI. Der Bundesrat hat es am 10. Juli 2026 gebilligt.
Was Nexoria-Kunden wissen müssen
Wenn Sie Nexoria als KI-Plattform einsetzen, ist die Compliance-Lage übersichtlich. Die Kernfrage lautet: In welche Risikoklasse fallen Ihre Anwendungen? Für die typischen Nexoria-Einsatzszenarien (Chatbot, VoiceBot, Wissensbasis, Dokumentenanalyse, Prozessautomatisierung) gilt: Begrenztes Risiko oder minimales Risiko. Keine dieser Anwendungen fällt unter die Hochrisiko-Kategorie.
Die maßgebliche Pflicht ist daher die Transparenzpflicht nach Art. 50. Und hier sind Nexoria-Kunden bereits gut aufgestellt:
- Chatbot-Kennzeichnung: Nexoria-Chatbots zeigen beim ersten Kontakt an, dass der Nutzer mit einer KI kommuniziert. Dies ist in der Standard-Widget-Konfiguration integriert und aktiv, ohne dass der Betreiber zusätzlichen Code schreiben muss.
- VoiceBot-Identifikation: Nexoria-VoiceBots identifizieren sich zu Beginn jedes Gesprächs als KI-System. Die Begrüßungsnachricht enthält standardmäßig den Hinweis auf den KI-Charakter des Gesprächs.
- Einwilligungsmanagement: Beim VoiceBot fragt ein Consent-Verfahren per Tastendruck, ob das Gespräch aufgezeichnet und transkribiert werden darf. Lehnt der Anrufer ab oder entscheidet er sich nicht, wird das Gespräch ohne Aufzeichnung geführt.
- Audit-Logs: Jede Interaktion (ob Chat, Anruf, Dokumentenzugriff oder Suchanfrage) wird lückenlos protokolliert. Diese Aufzeichnungen sind manipulationssicher und unterstützen die Protokollpflichten des AI Act (Art. 26 Abs. 6, Aufbewahrung der Protokolle bei Hochrisiko-KI).
- Menschliche Aufsicht: Über das Live-Operator-Feature können menschliche Mitarbeiter jederzeit in Chatbot-Gespräche eingreifen und die KI-Konversation übernehmen. Das unterstützt das Prinzip der menschlichen Aufsicht (Art. 14).
Was Nexoria-Kunden selbst sicherstellen sollten:
- Prüfen Sie, ob Sie KI-Systeme in einem Hochrisiko-Bereich einsetzen (z. B. Personalauswahl). Falls ja, gelten erhöhte Anforderungen. Sprechen Sie uns an.
- Dokumentieren Sie intern, welche KI-Systeme Sie einsetzen, wofür, und wer verantwortlich ist. Eine einfache Übersicht reicht als Ausgangspunkt.
- Schulen Sie Ihre Mitarbeiter, die mit KI-Systemen arbeiten, in den Grundlagen des AI Act, insbesondere zur Transparenzpflicht.

